Das Thema PFAS beschäftigt den Landkreis Altötting schon Jahrzehnte: Die “Ewigkeitschemikalien“ aus der chemischen Industrie, die zum Teil als gesundheitsschädlich eingestuft sind, müssen mittels Aktivkohlefilter aus einigen Trinkwasserbrunnen gefiltert werden, schränken wegen des kontaminierten Erdreichs die Bautätigkeit ein. Nun rückt eine weitere Chemikalie aus der Stoffgruppe der PFAS ins Visier, auch sie im hiesigen Kreis nachgewiesen: TFA.
Wie berichtet hat der Prüfausschuss der EU-Chemikalienbehörde ECHA empfohlen, die Trifluoressigsäure (TFA) als gesundheitsschädlich einzustufen. Die Heimatzeitung hat beim Landratsamt nachgefragt, wo TFA im Landkreis vorkommt. Bei den Oberf1ächengewässern im Landkreis sind in der Vergangenheit in der unteren Alz auffällige TFA-Konzentrationen festgestellt worden, bestätigt Dr. Robert Müller vom Landratsamt. Aktuell seien diese gesunken. Darüber hinaus seien dem Wasserwirtschaftsamt Traunstein keine Oberflächengewässer mit auffälligen Konzentrationen im Landkreis bekannt.
Auf die Frage, ob im Landkreis TFA ins Abwasser eingeleitet wird – also ob es entsprechende Genehmigungen gibt – antwortet Müller, dass InfraServ Gendorf eine Genehmigung hat: Ihr sei ,,die gehobene Erlaubnis zur Benutzung der Alz durch Einleiten gesammelter Abwässer“ am 25. Juni erteilt worden. Im Einleitbescheid seien auch Überwachungswerte für TFA festgesetzt. Ein Überwachungswert für TFA sei erstmals am 27. Juni 2023 in einer beschränkten wasserrechtlichen Einleiterlaubnis für die InfraServ festgesetzt worden.
Auf viele Wege kann die Chemikalie ins Grundwasser gelangen: Durch Deposition aus der Atmosphäre, durch Pflanzenschutzmittel, industrielle Tätigkeit oder Altlasten, informiert Müller. Vor diesem Hintergrund und weil die Umwelt mittlerweile flächig mit TFA belastet sei, könne man nicht eindeutig sagen, was eine erhöhte Konzentration im Grundwasser sei – „herausstechend hohe“ TFA-Konzentrationen dort seien dem Wasserwirtschaftsamt im Landkreis Altötting jedenfalls nicht bekannt.
Alle Brunnen deutlich unter dem Leitwert
Das Gesundheitsamt hat im Dezember 2025 die Trinkwasserversorgungen im Landkreis, die mit PFAS belastet sind, auf TFA untersuchen lassen, so Müller: Das Landesamt für Umwelt (LfU) habe dabei TFA-Gehalte zwischen 1 Mikrogramm pro Liter (µg/l) im Garchinger Brunnen “Wald“ und 2,7 µg/l in Teising festgestellt. Insgesamt wurden elf Brunnen getestet. Für TFA im Trinkwasser gibt es laut Müller keinen Grenzwert. Das Umweltbundesamt habe 2020 aber einen “toxikologisch begründeten, gesundheitlich duldbaren Leitwert“, von 60 µg/l abgeleitet. Er gelte für alle Verbraucher einschließlich mit Flaschenmilch ernährte Säuglinge und Kinder und für die regelmäßige, tägliche und lebenslange Aufnahme des Trinkwassers. Wasserversorger sollten aber gemäß Minimierungsgebot eine TFA-Konzentration im Trinkwasser von 10 µg/l oder weniger anstreben. Die getesteten Brunnen im Landkreis liegen deutlich darunter.
Sollte TFA künftig strenger reguliert werden, könnte ein niedriger Grenzwert eingeführt werden. Müller dazu: „Sollte TFA – unabhängig vom tatsächlichen Pfad der Freisetzung – als sogenannter, relevanter Metabolit‘ von Wirkstoffen von Pflanzenschutzmitteln eingestuft werden, so hätte dies zur Folge, dass nach der geltenden Trinkwasserverordnung ein Grenzwert von 0,1 µg/l im Trinkwasser nicht überschritten werden dürfte.“ Diesen Grenzwert könnte keiner der getesteten Brunnen im Landkreis einhalten. Müller weist aber darauf hin: Ein so niedriger Grenzwert würde deutschlandweit eine große Herausforderung für die Wasserversorgungen bedeuten.
Ob das Erdreich im Landkreis auch überdurchschnittlich mit TFA belastet ist, kann man laut Müller noch nicht beurteilen: Bisher habe man TFA bei Bauvorhaben nicht routinemäßig untersucht, zumal dafür im PFAS-Bundesleitfaden noch kein Beurteilungswert für die Verwertbarkeit von Bodenmaterial festgelegt sei. Außerdem lägen noch keine Informationen zur durchschnittlichen TFA-Belastung von Böden vor. Wenn künftig mehr als 500 Kubikmeter Boden umgelagert werde, werde das Erdreich auf TFA untersucht.
TFA als Nebenprodukt bei Fluorpolymeren
Die InfraServ Gendorf bestätigt auf Nachfrage, dass im Chemiepark Gendorf TFA über ihre Zentrale Abwasserreinigungsanlage in die Alz emittiert wird. Dabei halte man alle Auflagen aus der geltenden Einleitgenehmigung des Landratsamts ein – unterschreite die behördlich genehmigte Höchstmenge sogar deutlich: Eine Tonne TFA dürfte die InfraServ pro Jahr in die Alz einleiten. 2025 habe man 116 Kilogramm davon emittiert, teilt Pressesprecher Tilo Rosenberger-Süß mit.
2025 habe die TFA-Konzentration in der Alz unterhalb des Chemieparks im Mittel bei 1,3 µg/l gelegen. In bayerischen Fließgewässern liege die Konzentration meist im Bereich zwischen 0,5 und 2 µg/l. Die Werte in der Alz lägen auch deutlich unter dem Leitwert für Trinkwasser von 60 µg/l. Bereits vor der Einleitstelle des Chemieparks in die Alz würden die TFA Konzentrationen als Hintergrundbelastung im Mittel bei circa 0,5 bis 0,6 µg/l liegen.
Hauptemissionsquelle für TFA im Chemiepark sei eine Anlage von Dyneon, in der TFA als unvermeidbares Nebenprodukt bei der Herstellung von Fluorpolymeren entstehe. Auch in der Vergangenheit ist die Chemikalie bereits über die Zentrale Abwasserreinigungsanlage in die Alz geleitet worden, bestätigt der Pressesprecher. Weil es neue wissenschaftliche Erkenntnisse gebe und sich die Bewertungsmaßstäbe geändert hätten, habe Dyneon die TFA-Emissionen in den vergangenen Jahren unabhängig von der Produktionsauslastung schrittweise reduziert und dafür viel investiert: Moderne Abwasservorbehandlungsverfahren und neueste Technologien kämen zum Einsatz. Dadurch sei es Dyneon gelungen, die emittierte TFA-Menge von 345 Kilogramm 2024 auf 116 Kilogramm 2025 zu senken.
„Mit dieser Behandlungstechnik des Abwassers aus den Produktionsanlagen zählt Dyneon aktuell wohl zu den nachhaltigsten Produzenten von Fluorpolymeren weltweit“, so der Pressesprecher. Zusätzlich setzte man fortlaufende Minimierungsmaßnahmen um, mit jährlicher Berichtspflicht gegenüber den Behörden. Eine behördliche Überprüfung sei spätestens bis 2029 vorgesehen, um die Frachten weiter zu reduzieren. – smi
Quelle: Alt-Neuöttinger Anzeiger vom 27.06.2026