Die Bürgerinitiative Netzwerk Trinkwasser e.V. (BINT) bewertet das neue Bodenkonzept des Landratsamtes als einen entscheidenden Schritt zur Wiederherstellung der Planungssicherheit. Dass die Behörden nun wieder das Prinzip „Gleiches zu Gleichem“ forcieren, beendet den lähmenden faktischen Baustopp. Wir sehen es als echten Fortschritt für die Bürger und die regionale Bauwirtschaft. Doch dieser Erfolg darf nicht den Blick auf die tiefgreifenden Defizite in der Aufarbeitung verstellen. Planungssicherheit für Bagger darf nicht mit gesundheitlicher Sicherheit für Menschen gleichgesetzt werden.
Antrag nach dem Umweltinformationsgesetz: Fakten statt Schweigen
Die Faktenlage im Landkreis wurde offiziell neu bewertet: Das Belastungsgebiet umfasst nun massive 380 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Das ist fast das Fünffache der Fläche des Chiemsees. Hinter dieser Zahl verbirgt sich eine neue Dimension der Betroffenheit für tausende Familien. Genannt wurden auf informellem Weg als Grenzen:
- Im Süden: Garching an der Alz
- Im Norden: Reischach
- Im Westen: Landkreisgrenze zu Mühldorf (und eventuell darüber hinaus)
- Im Osten: Die Salzach – wobei die Belastung durch die genehmigten Abluftkamine auch vor dem Weilharter Forst (Trinkwasserbezug der Stadt Burghausen) nicht haltmachen dürfte.
Die BINT stellt deshalb einen offiziellen Antrag nach dem Umweltinformationsgesetz (UIG) an das Landratsamt Altötting. Wir fordern die vollumfängliche Veröffentlichung aller Messwerte, die dieser immensen Gebietserweiterung zugrunde liegen. Wir nehmen nicht hin, dass eine derart drastische Neueinstufung der Region ohne detaillierte Erläuterung und ohne Nennung der wissenschaftlichen Fakten erfolgt. Während die tatsächliche Verseuchung bereits vor Jahrzehnten stattfand, ist die nun amtlich dokumentierte Erkenntnis über deren wahres Ausmaß, eine massive Veränderung der Faktenlage für jeden Grundbesitzer. Es geht hier nicht nur um Grundstückswerte, sondern um das Vertrauen in den Schutz der körperlichen Unversehrtheit. Die Bürger haben ein Recht darauf zu erfahren, welcher Belastung sie in ihrem direkten Lebensumfeld ausgesetzt sind.
Wissenschaftliche Genauigkeit: Feststoffanalyse ist das Gebot der Stunde
Die BINT fordert ein Ende der Praxis der Eluat-Messungen (Nassmessungen) nur bei Bauvorhaben. Diese sind wissenschaftlich ungenügend, da sie je nach Geologie stark variieren und die reale Schadstoff-Anreicherung im Boden nicht direkt aufzeigen. Was zählt, ist die Gesamtbelastung im Boden (Feststoff), da PFAS über Staubentwicklung beim Spielen von Kindern oder über den Eigenanbau von Obst und Gemüse in die Nahrungskette und damit in den menschlichen Körper gelangen können. Wir benötigen Feststoffmessungen, um die Gefahr für die Gesundheit und die Landwirtschaft unverfälscht bestimmen zu können. Das Vorsorgeprinzip muss über der bloßen Entsorgungslogik stehen.
Vorbild Rastatt: Transparente Beratung für die Landwirtschaft und den Gesundheitsschutz
Wie ein proaktiver Umgang mit dieser Krise aussieht, zeigt der Landkreis Rastatt. Obwohl flächenmäßig weit weniger betroffen als der Landkreis Altötting, fungiert dort mit Dr. Christoph Söhlmann ein eigener PFAS-Beauftragter als zentraler Knotenpunkt. In Rastatt wird die Landwirtschaft vorbildlich unterstützt: Ernten werden amtlich überwacht und Landwirte erhalten fundierte, wissenschaftlich begleitete Empfehlungen, welche Kulturen sicher angebaut werden können. Dieses Modell der Vernetzung zwischen Politik, Wissenschaft und Betroffenen muss auch in Altötting zum Standard werden.
Verursacherprinzip: 3M muss für die Zusatzkosten haften
Trotz der neuen Praktikabilität des Konzepts bleiben die Bauherren aktuell auf den erheblichen Zusatzkosten für Analytik und fachgerechte Entsorgung sitzen. Das ist eine unerträgliche Lastenverschiebung. Die Kosten für das Bodenmanagement sind die direkte Folge der industriellen Verschmutzung. Es ist die Pflicht des Landkreises, sicherzustellen, dass der Verursacher 3M diese Kosten vollumfänglich begleicht. Es darf nicht am Privatmann hängen bleiben, die Zeche für die Schäden Dritter zu zahlen! Zudem fordert die BINT erneut die Offenlegung der Verträge mit 3M zur Trinkwasserfiltrierung. Finanzielle Risiken dürfen nicht hinter verschlossenen Türen auf die Kommunen und Bürger abgewälzt werden.
Mit dem Amtsantritt von Tobias Windhorst am 1. Mai bietet sich die Chance für eine Ära der Transparenz. Das neue Bodenkonzept ist ein wichtiger erster Schritt zur Normalisierung des Bauwesens – nun muss die politische, finanzielle und gesundheitliche Verantwortung folgen. Transparenz gegenüber den Bürgern ist kein optionales Angebot, sondern die Grundlage für jedes Vertrauen in die kommenden Jahrzehnte der Sanierung.